Vernetzung. Impulse. Praxisnähe: Dr. Leonie Menghesha zum European Meeting of Young Ophthalmologists in Berlin

Am 4. und 5. Juli trifft sich die junge ophthalmologische Community Europas in Berlin zum 6. European Meeting of Young Ophthalmologists. EMYO-Präsidentin Dr. Leonie Menghesha (Köln) erklärt im Interview, was das Meeting auszeichnet und welche Themen im Fokus stehen.

Dr. Leonie Menghesha
Dr. Leonie Menghesha

Frau Dr. Menghesha, warum lohnt sich der Weg nach Berlin zum 6. European Meeting of Young Ophthalmologists (EMYO)?

Das European Meeting of Young Ophthalmologists ist ein zweijährlich stattfindender Kongress für die junge Ophthalmologie in Europa – gezielt ausgerichtet auf Kolleginnen und Kollegen unter 40 Jahren. Es wird von der European Society of Ophthalmology (SOE) bewusst antizyklisch zum Jahreskongress der SOE organisiert und ist damit ein zentraler Bestandteil der europäischen Nachwuchsförderung.

Die SOE misst der Förderung junger Ophthalmologinnen und Ophthalmologen einen hohen Stellenwert bei – und das weit über das EMYO hinaus. Umso mehr freue ich mich, als eine der deutschen Repräsentantinnen – neben Dr. med. Andrea Ross (TU München) stellvertretend für die AG Young DOG – im Komitee der SOE Young Ophthalmologists (SOE YOs) aktiv mitgestalten zu dürfen.

Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Der Weg nach Berlin lohnt sich, weil es das EMYO in dieser Form kein zweites Mal gibt. Es ist mehr als nur ein wissenschaftliches Meeting – es ist ein Ort, an dem sich die nächste Generation der europäischen Ophthalmologie begegnet, austauscht und gemeinsam wächst. Dass Deutschland 2026 Ausrichtungsland sein darf, freut mich natürlich sehr. Berlin ist dafür der perfekte Rahmen: international, offen und dynamisch. Besonders wertvoll finde ich, dass wir über das EMYO hinaus als SOE YOs nicht nur europäisch denken, sondern global vernetzt sind – mit starken Partnern wie beispielsweise der American Academy of Ophthalmology (AAO) oder der Asia-Pacific Academy of Ophthalmology (APAO).

Gibt es auch ein Rahmenprogramm? In Berlin wird ja auch gerne gefeiert….

Das ist richtig – und einen angemessenen Rahmen für den Austausch abseits des Podiums zu schaffen ist uns ebenfalls wichtig gewesen. Das EMYO lebt nicht nur vom wissenschaftlichen Austausch, sondern auch vom persönlichen Miteinander.

Ein besonderes Highlight wird unser Gesellschaftsabend im SAGE Restaurant in Kreuzberg am Samstag sein, auf den sich – da bin ich mir sicher – viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon jetzt freuen dürften.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, wie wertvoll genau diese Momente sind: Bei meiner Teilnahme an dem EMYO in Italien vor zwei Jahren konnte ich unglaublich viele Kontakte knüpfen, aus denen mittlerweile Freundschaften entstanden sind.

Viele dieser Begegnungen begleiten mich seitdem: Man trifft sich in Online-Meetings wieder, begegnet sich auf internationalen Kongressen und bleibt im regelmäßigen Austausch. Das hat mich nicht nur persönlich, sondern auch wissenschaftlich geprägt und motiviert. Genau diese Erfahrung möchten wir Teilnehmenden auch in Berlin ermöglichen.

An wen richtet sich das EMYO konkret: eher an Assistenzärztinnen und -ärzte, an junge Fachärzte oder auch an erfahrenere Ophthalmologen?

Im Herzen richtet sich der Kongress klar an junge Kolleginnen und Kollegen – also Assistenzärztinnen und -ärzte sowie junge Fachärztinnen und Fachärzte. Natürlich sind aber auch Studierende und Forschende mit Interesse an der Ophthalmologie herzlich willkommen und unter den diesjährigen Teilnehmenden. Gleichzeitig profitieren von einer Teilnahme aber auch erfahrenere Ophthalmologinnen und Ophthalmologen, insbesondere wenn sie sich für Nachwuchsförderung, innovative Lehrformate oder internationale Zusammenarbeit interessieren. Was das EMYO besonders macht, ist hierbei auch die Atmosphäre: Es entsteht ein Dialog auf Augenhöhe – fördernd, kollegial und inspirierend.

Wodurch unterscheidet sich das EMYO von einem klassischen ophthalmologischen Kongress?

Das EMYO unterscheidet sich durch den Fokus auf die nächste Generation und ein interaktives, partizipatives Konzept. Junge Kolleginnen und Kollegen sammeln erste Erfahrungen im Präsentieren und Diskutieren, und werden gezielt auf größere Kongresse vorbereitet. Die interaktiven Elemente senken hierbei auch gezielt die Hemmschwelle zum Mikrofon zu laufen – natürlich ist dies aber auch möglich und gewünscht. Die Qualität der Vorträge und wissenschaftlichen Expertise ist jedoch sicherlich vergleichbar.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie in diesem Jahr im Programm?

Wir haben das Programm bewusst so aufgebaut, dass es aktuelle klinische Herausforderungen, technologische Entwicklungen und Zukunftsthemen der Ophthalmologie gleichermaßen abbildet. Schon die Sitzungstitel zeigen sehr gut, worauf der Fokus liegt: Mit „Glaucoma Unlocked: New Frontiers in Disease Management“ und „Artificial Intelligence – Are We Entering the Next Era of Ophthalmology“ greifen wir einerseits hochrelevante Versorgungsthemen und andererseits die digitale Transformation unseres Fachs auf.

Ein weiterer zentraler Schwerpunkt liegt auf Erkrankungen der Augenoberfläche und der Hornhaut, etwa in Sessions wie „Beyond Dry Eye: When the Ocular Surface Tells a Bigger Story …“ und „Cornea 2026: Contemporary Approaches and Innovations“. Dort geht es uns nicht nur um klassische Diagnosen, sondern auch um systemische Zusammenhänge und innovative Therapieansätze.

Darüber hinaus setzen wir klare Akzente im chirurgischen Bereich, ergänzt durch ein Katarakt DryLab am Freitag und eine Videosession mit schwierigen Fällen aus dem Hinter- und Vorderabschnitt. Interaktive Formate wie beispielsweise unsere Diskussionsrunde zu „Sustainability & Future directions“, die von Dr. Andrea Ross (TU München, AG Young DOG), Atanas Bogoev (Bochum) und Dr. Johnson Neo (London, ESCRS) geführt wird, unsere Poster-Sessions sowie die Präsentation der besten wissenschaftlichen Beiträge runden ein vielfältiges Programm ab.

Gemeinsam mit Prof. Giuseppe Giannaccare leiten Sie eine Session zur Augenoberfläche. Welche Themen und klinischen Fragestellungen stehen dort im Mittelpunkt?

Die Augenoberfläche ist ein unglaublich spannendes und zugleich komplexes Feld. Mit Prof. Giannaccare, der Präsident des EMYO 2024 war, habe ich für diese Session einen erfahrenen Kollegen an meiner Seite. In unserer Session möchten wir die zuvor erwähnte Komplexität greifbar machen. Die Session ist bewusst so konzipiert, dass sie eine Bandbreite der Erkrankungen der Augenoberfläche abbildet – von häufigen, aber oft unterschätzten Krankheitsbildern bis hin zu komplexen, systemisch assoziierten Verläufen.

Darüber hinaus greifen wir bewusst Themen auf, bei denen die Augenoberfläche ein „Fenster“ für systemische Erkrankungen ist – etwa bei autoimmunologischen Prozessen oder bei der okulären Graft-versus-Host-Disease (GVHD). Hier diskutieren wir konkret, welche klinischen Hinweise entscheidend sind und wie ein interdisziplinäres Management aussehen kann.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Translation neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis: also die Rolle von Entzündung, Immunmodulation und neuen Therapieoptionen – und wie wir diese sinnvoll in bestehende Behandlungspfade integrieren.

Sie haben am Kompetenzzentrum für okuläre Graft-versus-Host-Disease (GVHD) am Zentrum für Augenheilkunde der Uniklinik Köln gearbeitet. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen vor allem bei der okulären GVHD sowie bei Erkrankungen der Augenoberfläche und dem trockenen Auge. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Bereich der Ophthalmologie besonders?

Mich fasziniert an Erkrankungen der Augenoberfläche vor allem ihre Vielschichtigkeit. Es lohnt sich nicht nur genau hinzuschauen, sondern auch genau nachzufragen. Wenn man sich intensiver mit diesen Erkrankungen beschäftigt, wird schnell klar, wie komplex die zugrunde liegenden Mechanismen sind. Gerade die okuläre GVHD ist dafür ein sehr eindrückliches Beispiel: Sie zeigt, wie eng Immunprozesse und lokale Veränderungen an der Augenoberfläche miteinander verknüpft sind. Man muss lernen auch subtile klinische Zeichen zu erkennen und Therapieentscheidungen individuell anzupassen. Vor allem bei der okulären GVHD können sonst schwerwiegende und rapide Befundverschlechterung drohen. Die Arbeit mit onkologischen Patienten und Patientinnen habe ich als bereichernd und bisweilen herausfordernd zugleich erlebt. Im Umgang ist auch hier viel Empathie gefragt. An meiner Arbeit im Centrum für Integrierte Onkologie der Uniklinik Köln habe ich die enge Verzahnung des interdisziplinären Teams sehr geschätzt und dadurch auch zunehmend Erfahrung mit okulären Nebenwirkungen gesammelt.

Viele Erkrankungen der Augenoberfläche können mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität einher gehen – und gleichzeitig haben wir heute zunehmend differenzierte diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, um gezielter helfen zu können.

Ein wesentlicher Grund, warum ich mich diesem Bereich so intensiv widme, ist auch die fortwährende Unterstützung durch meinen Mentor Prof. Philipp Steven. Als Experte in diesem Bereich hat er mich nicht nur in meiner fachlichen, sondern auch wissenschaftlichen Entwicklung stets gefördert. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Gleichzeitig merke ich heute in meiner täglichen Praxis konkret, wie wertvoll diese Spezialisierung ist. Als angestellte Ärztin in einem MVZ habe ich die Möglichkeit, meine Expertise gezielt einzubringen und diesen Schwerpunkt weiter auszubauen. Es ist sehr erfüllend zu sehen, dass man Patientinnen und Patienten mit oft lang bestehenden Beschwerden durch ein strukturiertes, spezialisiertes Vorgehen nachhaltig helfen kann. Diese Kombination aus wissenschaftlicher Komplexität, interdisziplinärem Denken und direktem klinischem Impact macht diesen Bereich für mich besonders spannend.

Sie sind nicht nur Präsidentin des EMYO, sondern auch Co-Autorin eines Textes zur europäische Nachwuchsförderung und Vernetzung in der Ophthalmologie. Wie ist dieses Engagement entstanden – und warum ist es Ihnen so wichtig?

Mein Engagement hat sich über die letzten Jahre Schritt für Schritt entwickelt und ist mit meinen eigenen Erfahrungen, meinem Netzwerk und den daraus entstandenen Möglichkeiten gewachsen. Ein prägender Moment war für mich meine erste internationale Kongressteilnahme bei der Association for Research in Vision and Ophthalmology (ARVO) in Denver 2022 – noch zu Zeiten der COVID-Pandemie. Ich habe damals den zweiten Platz als internationale Preisträgerin des Théa international contest of clinical cases in pathologies of the eye (TROPHY) belegt und durfte in diesem Rahmen meinen ersten Vortrag halten – das war natürlich aufregend und eine besondere Erfahrung. Vor Ort habe ich als Assistenzärztin erstmals erlebt, wie facettenreich der internationale wissenschaftliche Austausch abseits von Videokonferenzen sein kann. Der Kontakt zur AG Young DOG hat sich schließlich über meine Bewerbung als nationale Repräsentantin der DOG für die SOE YOs weiter intensiviert, wodurch sich auch auf europäischer Ebene neue Möglichkeiten der Mitgestaltung ergeben haben.

Ich sehe es als Teil guter Führung und verantwortungsvoller Ausbildung, den Nachwuchs aktiv zu fördern und zu begleiten – und genau dieses Konzept möchte ich auch selbst in der Zukunft leben und durch mein Engagement bei der AG Young DOG und den SOE YOs auf nationaler und europäischer Ebene weiterbringen. Gleichzeitig versuche ich aktuell, meine Tätigkeit als angestellte Ärztin mit meiner wissenschaftlichen Arbeit zu verbinden. Klischeehaft könnte man sagen: Wege entstehen, wenn man sie geht – und genau so haben sich auch mein Weg und Engagement in diesem Bereich entwickelt. Wer sich für dieses Thema noch weiter interessiert, dem kann ich den entsprechenden Beitrag in Die Ophthalmologie, auf den Sie sich beziehen, sehr zur Vertiefung empfehlen.

Was nehmen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Ihrer Sicht ganz konkret aus Berlin mit: eher neue wissenschaftliche Impulse, praktische klinische Inhalte oder vor allem internationale Kontakte?

Im Idealfall genau diese Kombination – und ich glaube, das ist auch die besondere Stärke des EMYOs. Die Teilnehmenden nehmen neue wissenschaftliche Impulse mit, die ihnen helfen, aktuelle Entwicklungen besser einzuordnen, aber gleichzeitig auch sehr konkrete, praktische Inhalte, die sie direkt in ihren klinischen Alltag übertragen können.  Über die Social-Media-Kanäle der SOE und AG Young DOG – insbesondere auf Instagram – können wir zunehmend auch junge Kolleginnen und Kollegen erreichen, die nicht vor Ort sind. Mit Live-Einblicken, Reels und einem Account-Takeover möchten wir das EMYO erlebbar machen und zusätzliche Zugänge schaffen. Das dieses Konzept auf großes Interesse stößt, zeigt sich auch daran, dass das EMYO sehr schnell ausgebucht war – mit rund 500 Teilnehmenden aus 31 Ländern. Das unterstreicht für mich, wie groß der Bedarf und das Interesse ist an genau diesem Format ist.

6th European Meeting of Young Ophthalmologists (EMYO)
04.07.2026 - 05.07.2026
Estrel Congress Center, Berlin
EMYO REGISTRATION FEE: 100,00 €

Interview: Achim Drucks