IOL: Die Individualisierung schreitet voran

Der Markt für Intraokularlinsen (IOL) wächst und wird immer unübersichtlicher. Für die optimale Versorgung des Patienten sind von daher Kenntnisse der Vor- und Nachteile der einzelnen Linsentypen essenziell. Gleichzeitig bringt aber auch jeder Patient unterschiedliche Voraussetzungen an seinen Augen mit, hat einen individuellen Lebensstil und spezielle Ansprüche an sein Sehen.

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Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der postoperativen Zufriedenheit hat das Vorgespräch mit dem Patienten. Hier muss geklärt werden, was er oder sie von der neuen Linse erwartet – und ob diese Erwartungen und Ansprüche überhaupt realistisch sind. Zunächst stellt sich die Frage, ob statt der bei Katarakt-Operationen routinemäßig eingesetzten monofokalen IOL eine Presbyopie-korrigierende Premium-IOL an die Stelle der natürlichen Linse treten soll – im Idealfall für den Rest des Lebens. Der Marktanteil dieser Linsen liegt allerdings derzeit noch unter 5 Prozent, bei steigender Tendenz.

Größtmögliche Brillenunabhängigkeit

„One size fits all“ – dieser Slogan gilt vielleicht für Socken oder Mützen. Eine Premium-IOL, die allen Patienten „passt“, existiert nicht. Und auch eine komplette Brillenfreiheit ist kaum zu erreichen. Realistisches Ziel eines refraktiven Linsenaustauschs ist vielmehr die größtmögliche Unabhängigkeit von der Brille.

Deshalb ist es wichtig in einem Vorgespräch genau abzuklären, für welche Entfernungen und Tätigkeiten eine Brillenunabhängigkeit gewünscht wird. Welche besonderen Sehanforderungen gibt es im Beruf und in der Freizeit, bei Sport oder Hobbies? Ein Busfahrer benötigt andere IOL als eine Informatikerin oder ein passionierter Golfer. Außerdem sollte der Patient genau über die Vor- und Nachteile der in Frage kommenden Linsen informiert werden. Dr. Detlev Breyer, leitender Augenoperateur der Breyer, Kaymak und Klabe Augenchirurgie, empfiehlt die Strategie „underpromise, overdeliver“ – „also wenig versprechen, viel leisten. Das Sehen wird nie wieder so sein wie mit 18. Es ist besonders wichtig, dass der Patient das versteht.“

Gerät erfasst individuelles Sehverhalten 

Die Frage, welche Sehbereiche für sie persönlich besonders wichtig sind, ist für manche Patienten gar nicht so leicht zu beantworten. Wer hier die subjektive Einschätzung mit objektiven Fakten abgleichen möchte, kann auf den Vivior Monitor zurückgreifen – ein neues Gerät, dass das individuelle Sehverhalten genau erfasst. Es wird an der eigenen Korrektur- oder an einer Klarsichtbrille angebracht und verfügt über Sensoren zur Messung von Abstand, Umgebungslicht und Farbe, einen Beschleunigungsmesser, ein Gyroskop und ein Magnetometer. Diese Daten werden mit KI-Algorithmen in Verhaltensdaten konvertiert und als „Sehprotokolle“ in Form von Diagrammen ausgespielt. Um ein möglichst differenziertes Bild des jeweiligen Sehverhaltens zu erhalten, sollte der Vivior Monitor nicht nur an Arbeitstagen sondern auch bei den Freizeitaktivitäten am Wochenende getragen wird. 2

Zu den Premium-IOL zählen zum einen die multifokalen Linsen (MIOL). Sie können bifokal oder trifokal sein, also zwei oder drei Brennpunkte besitzen. Ein weiterer Typ sind EDOF-Linsen mit einem erweitertem Fokusbereich (EDOF = extended depth of focus). Die Sehleistungen dieser Linsen sind sehr gut, doch zugleich sind alle mit gewissen optischen Nachteilen behaftet. Bei MIOL handelt es sich um Blendungserscheinungen wie Halos und Glare, die etwa beim Autofahren als überaus störend empfunden werden können, ein vermindertes Kontrastsehen und vor allem nachts eine eingeschränkte Fernsicht. 

Fokus auf dem Intermediärbereich

Im Intermediärbereich, der mit dem Siegeszug von Smartphones, Tablets und Laptops immer wichtiger geworden ist, haben sich die Trifokallinsen als neuer Standard in der Presbyopie-Korrektur durch IOL etabliert. Und auch die EDOF-Linsen betonen die Funktionalität in diesem Bereich, wobei sie die für Multifokallinsen typischen optischen Nebenwirkungen deutlich verringern. Ihre Schwächen liegen eher im Nahbereich – das Lesen eines Buchs ist mit EDOF Linsen häufig nicht möglich. So besteht gerade bei myopen Patienten die Gefahr einer Unzufriedenheit mit dem Ergebnis des Linsenaustauschs: Sie sind es gewohnt auf kurze Distanz ohne Brille zu lesen. Diese Fähigkeit geht nach Implantation von EDOF-Linsen, aber auch MIOL, meist verloren.

Das scharfe Sehen beginnt bei EDOF-Linsen bei etwa 50 Zentimetern, umfasst also den Intermediär- und Fernbereich. Der erweiterte Fokusbereich, der mithilfe unterschiedlicher optischer Prinzipien generiert wird, sorgt dafür, dass die für bifokale und trifokale MIOL typischen Lücken zwischen den Brennpunkten, in denen die Sehschärfe abnimmt, vermieden werden. Die Brennpunkte liegen so dicht beieinander, dass sie in der Defokuskurve nicht als getrennte Foki dargestellt werden.

Mix-and-Match-Implantationsschema

Eine neue Strategie, die Brillenunabhängigkeit zu steigern, ist das Mix-and-Match-Implantationsschema, bei dem unterschiedliche Linsen miteinander kombiniert werden – etwa eine diffraktive Bifokallinse mit einer geringen Nahaddition (+2,75 dpt) im dominanten und eine diffraktive Trifokallinse im nicht-dominanten Auge bzw. eine EDOF-IOL im dominanten und eine diffraktive Trifokallinse im nicht-dominanten Auge. Durch die letztere Kombination wurde eine gleichmäßige Defokuskurve über alle Distanzen erreicht. Doch auch hier kommt es postoperativ zu leichtem Halo und Glare sowie zu einer reduzierten Kontrastwahrnehmung.3

Allerdings sind nicht alle Augen sind für Premium-IOL geeignet. „Der Ausschluss okulärer Pathologien wie beispielsweise frühe Keratokonusstadien, reduzierte Endothelzellzahl, Glaukomschäden, andere Optikopathien, Makulo- und andere Retinopathien oder tiefe Amblyopie als relative Kontraindikation ist hier von besonderer Bedeutung. Auch eine klare, pathologiefreie Hornhaut als das erste optisch brechende Medium sollte Grundvoraussetzung für die Implantation einer Multifokallinse sein“, so Prof. Dr. Daniel Kook.4 Auch ein Sicca-Syndrom, etwa aufgrund einer Meibomdrüsen-Dysfunktion, kann das Ergebnis eines refraktiven Linsenaustauschs negativ beeinflussen. Für optimale Ergebnisse sind deshalb ausführliche Voruntersuchungen essenziell. 

Mit der ersten Implantation des Prototyps einer künstlichen Linse nach extrakapsulärer Kataraktextraktion durch den britischen Augenarzt Harold Ridley begann am 29. November 1949 eine medizinische Revolution. Trotz einiger Rückschläge und der massiven Opposition einflussreicher Ophthalmologen setzte sich die IOL weltweit durch. Heute werden jedes Jahr weltweit über 28 Millionen Intraokularlinsen eingesetzt. Inzwischen sind rund 50 verschiedene Modelle von circa 20 Herstellern auf dem Markt, die zu immer besseren Sehergebnissen führen – wenn die individuelle IOL zu den individuellen Wünschen und Voraussetzungen des Patienten passt. 

Quellen/weitere Informationen

Der große EYEFOX IOL Vergleich – mit über 250 Linsen.
EDoF-Linsen – Wirklich etwas Neues?, Prof. Anja Liekfeld
Multifokale Intraokularlinsen der jüngsten Generation im Vergleich, A. Liekfeld, S. Nincke
Myopie Symposium 2021: IOL Berechnung nach refraktiver Hornhautchirurgie, Univ.-Prof. Achim Langenbucher
1+1=3 : Binokulare IOL Applikation zum Erreichen einer Trifokalität, Prof. Gerd U. Auffarth

Anmerkungen

1 Dr. Detlev H.R. Breyer et. al, Die zehn Regeln der miLens-Strategie, in: Ophthalmologische Nachrichten, 11, 2021, S. 17
2 vergl. https://www.vivior.com/files/download/vivior_brochure_doctors_ch__1.pdf/documents
3 Dr. Detlev H.R. Breyer et. al, Trifo+-Vision: Das Beste aus zwei Welten, in: Ophthalmologische Nachrichten, 11, 2021, S. 19/21
4 Prof. Dr. Daniel Kook, Das beste Verfahren gemeinsam mit dem Patienten finden, in: Ophthalmologische Nachrichten, 11, 2021, S. 16