„Offenheit, Innovation und internationaler Austausch“ – DOG-Präsident Prof. Lars-Olof Hattenbach im Interview
„Augenheilkunde ohne Grenzen“: Prof. Lars-Olof Hattenbach über den DOG-Kongress 2026 – von KI und Robotik im OP-Saal der Zukunft über die neuen Focus Sessions bis zur engeren Vernetzung von Forschung, Klinik und ambulanter Versorgung. Ein Gespräch über internationalen Austausch, Nachwuchsförderung und die Kompetenzen, die in einer sich wandelnden Augenheilkunde gefragt sind.
Herr Prof. Hattenbach, der diesjährige Kongress der DOG steht unter dem Leitthema „Augenheilkunde ohne Grenzen“. Worum geht es Ihnen dabei konkret? Welche Grenzen gilt es zu überwinden?
Das Leitthema „Augenheilkunde ohne Grenzen“ ist bewusst mehrdeutig gemeint. Zum einen geht es dabei natürlich um internationale Zusammenarbeit und Wissenschaft und Medizin als verbindende Kräfte. Die Augenheilkunde war schon immer ein Fach, das von Offenheit, Innovation und internationalem Austausch gelebt hat. Viele der Entwicklungen, die unseren klinischen Alltag heute selbstverständlich prägen, von der Optischen Kohärenztomografie über moderne vitreoretinale Operationsverfahren bis hin zu Gentherapien oder KI-gestützter Diagnostik, sind aus weltweiten Kooperationen entstanden.
Gleichzeitig verstehen wir „Grenzen“ aber auch im übertragenen Sinn. Die Heraus-forderungen der Zukunft werden wir nur meistern, wenn wir Grenzen zwischen Forschung und klinischer Anwendung, zwischen ambulanter und stationärer Versorgung sowie zwischen den einzelnen Subspezialitäten unseres Faches überwinden. Deshalb haben wir das Kongressprogramm bewusst interdisziplinär und international ausgerichtet. Kongresselemente wie die neuen “Focus Sessions“ oder der bereits seit Jahren bewährte “International Experts Day“, eine durchgehend englischsprachige Programmlinie und erstmals auch eine Simultanübersetzung in ausgewählten Sitzungen ermöglichen allen Teilnehmenden einen über Sprachgrenzen hinweg stattfindenden internationalen wissenschaftlichen Austausch.
Schließlich bedeutet „Augenheilkunde ohne Grenzen“ für mich aber auch, über die Grenzen unseres eigenen Fachgebietes hinauszudenken. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Medizintechnik oder molekulare Therapien entstehen häufig an den Schnittstellen unterschiedlicher Disziplinen. Deshalb möchten wir auf der DOG 2026 den Dialog mit Ingenieurwissenschaften, Informatik, Biologie und vielen weiteren Partnern bewusst intensivieren.
Unser Ziel ist es, einen Kongress zu gestalten, der nicht nur aktuelles Wissen vermittelt, sondern neue Perspektiven eröffnet. Denn Fortschritt entsteht selten dort, wo alle dieselbe Sichtweise haben, sondern dort, wo unterschiedliche Erfahrungen und Ideen zusammenkommen.
Sie gehören zu den Pionieren des Einsatzes intraoperativer Bildgebungsverfahren in der vitreoretinalen Chirurgie und haben technologische Innovationen früh in die klinische Praxis integriert. Welche Erfahrungen aus Ihrer eigenen chirurgischen Tätigkeit haben Ihren Blick auf die Zukunft der Augenheilkunde und die Gestaltung dieses Kongresses geprägt?
Meine chirurgische Tätigkeit hat mich gelehrt, neue Technologien stets mit einer gewissen Begeisterung, aber auch mit der notwendigen kritischen Distanz zu betrachten. Nicht jede Innovation bedeutet automatisch einen Fortschritt. Entscheidend ist letztlich die Frage, ob sie unsere diagnostischen oder therapeutischen Möglichkeiten tatsächlich erweitert und ob unsere Patientinnen und Patienten davon profitieren.
Als wir vor einigen Jahren begannen, die intraoperative OCT systematisch in die vitreoretinale Chirurgie zu integrieren, war dies zunächst vor allem eine technische Innovation. Mit zunehmender Erfahrung wurde jedoch deutlich, dass sie unser Verständnis vieler chirurgischer Situationen grundlegend verändert. Plötzlich konnten wir Gewebestrukturen erkennen, die zuvor während der Operation verborgen geblieben waren. Manche Entscheidungen wurden dadurch bestätigt, andere mussten wir neu überdenken. Genau diese Erfahrung hat meinen Blick auf Innovation nachhaltig geprägt: Wirklich gute Technologien ersetzen den Operateur nicht, sondern sie erweitern seine Wahrnehmung und verbessern die Qualität seiner Entscheidungen.
Ähnliche Entwicklungen erleben wir bei der digitalen 3D-Chirurgie oder dem perioperativen Einsatz von künstlicher Intelligenz. Auch hier geht es nicht um Technologie um ihrer selbst willen, sondern darum, operative Eingriffe sicherer, präziser und besser planbar zu machen. Besonders eindrucksvoll habe ich dies zuletzt bei der Implantation subretinaler Photovoltaik-Implantate für Patientinnen und Patienten mit geographischer Atrophie erlebt. Solche Verfahren wären ohne hochauflösende Bildgebung, moderne Operationssysteme und eine enge Zusammenarbeit zwischen Chirurgie, Ingenieurwissenschaften und Industrie kaum denkbar gewesen.
Diese Erfahrungen haben auch die Konzeption des DOG-Kongresses beeinflusst. Mir war wichtig, Innovationen nicht isoliert zu präsentieren, sondern sie kritisch einzuordnen. Deshalb beschäftigen sich zahlreiche Sitzungen nicht nur mit technischen Entwicklungen, sondern auch mit ihrer Evidenz, ihren Grenzen und ihrer Integration in den klinischen Alltag.
Die Ophthalmochirurgie befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel: KI, Robotik, intraoperative Bildgebung oder neue Implantatkonzepte erweitern die Möglichkeiten. Wie wird der Operationssaal der Zukunft aussehen? Welche Rolle werden KI und Robotik übernehmen – und welche Bedeutung werden die Erfahrung, das Urteilsvermögen und die manuellen Fähigkeiten der Operateurin oder des Operateurs dann noch haben?
Ich bin überzeugt, dass sich der Operationssaal in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren stärker verändern wird als in den vergangenen drei Jahrzehnten. Dabei geht es weniger um einzelne neue Geräte als um die intelligente Vernetzung aller verfügbaren Informationen.
Der Operationssaal der Zukunft wird vollständig digital sein. Präoperative Bilddaten, dynamische intraoperative OCT-Aufnahmen, Operationsmikroskop, Instrumente und Patienteninformationen werden in Echtzeit miteinander verknüpft. Künstliche Intelligenz wird den Operateur unterstützen, indem sie anatomische Strukturen automatisch erkennt, Gewebeveränderungen hervorhebt oder auf potenzielle Risiken aufmerksam macht. Intraoperative Bildgebung wird sich zunehmend von einer passiven Informationsquelle zu einem aktiven Assistenzsystem entwickeln.
Auch robotische Assistenzsysteme werden sehr wahrscheinlich ihren Platz finden. Insbesondere bei hochstandardisierten oder extrem präzisen Teilschritten könnten sie zukünftig eine höhere Reproduzierbarkeit und zusätzliche Sicherheit ermöglichen. Ich sehe Robotik deshalb nicht als Konkurrenz, sondern als Erweiterung der chirurgischen Möglichkeiten. Gerade in der Netzhautchirurgie, wo wir uns im Mikrometerbereich bewegen, besitzt robotische Präzision ein enormes Potenzial.
Nicht so sehr glaube ich an den autonomen Operationsroboter. Chirurgie ist weit mehr als die präzise Ausführung einzelner Bewegungen. Jede Operation ist ein dynamischer Prozess, in dem auch außerhalb des eigentlichen OP-Feldes unerwartete Situationen auftreten können und kontinuierlich Entscheidungen getroffen werden müssen. Die Auswahl der geeigneten Strategie, die Interpretation komplexer Befunde, das Abwägen unterschiedlicher Optionen und vor allem die Verantwortung für den Patienten bleiben letztendlich ärztliche Aufgaben. Deshalb bin ich überzeugt, dass Erfahrung künftig sogar noch wertvoller werden wird. Wer moderne Technologien sinnvoll einsetzen möchte, muss zunächst die Grundlagen der Chirurgie beherrschen. Nur wer die Anatomie, die Pathophysiologie und die klassischen Operationsverfahren wirklich versteht, kann die Empfehlungen einer KI kritisch einordnen und ihre Grenzen erkennen. Vielleicht verändert sich deshalb weniger die Rolle des Operateurs als vielmehr sein Werkzeugkasten. Der Chirurg der Zukunft wird digitale Technologien selbstverständlich nutzen, ähnlich wie wir heute selbstverständlich mit OCT oder modernen Operationsmikroskopen arbeiten.
Mit den Focus Sessions führt die DOG 2026 ein neues Veranstaltungsformat ein. Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, und wodurch unterscheiden sich die Focus Sessions von klassischen wissenschaftlichen Sitzungen?
Die Idee zu den Focus Sessions entstand aus der Beobachtung, dass die Wissensentwicklung in der Augenheilkunde heute eine enorme Dynamik erreicht hat. In nahezu allen Subspezialitäten erscheinen jedes Jahr zahlreiche neue Studien, technische Entwicklungen und therapeutische Konzepte. Gleichzeitig wird es für den klinisch tätigen Augenarzt immer schwieriger, diese Informationen einzuordnen und ihre tatsächliche Bedeutung für die tägliche Praxis zu bewerten.
Genau hier setzen die Focus Sessions an. Sie sollen keine klassischen wissenschaftlichen Vortragsreihen sein, sondern hochkarätige Übersichtsveranstaltungen, die den international aktuellen Wissensstand ausgesuchter Themen eines Teilgebietes in kompakter Form zusammenfassen und gleichzeitig den Blick in die Zukunft richten.
Besonders wichtig war uns dabei die konsequent internationale Ausrichtung, denn bei vielen Fragestellungen ist ein länderübergreifender Konsens keineswegs selbstverständlich. Deshalb haben wir diese Sitzungen gemeinsam mit führenden europäischen Fachgesellschaften entwickelt, darunter EuCornea, die European Glaucoma Society, die ESCRS und die European Dry Eye Society. Hinzu kommt die Focus Retina Session, die internationale Expertinnen und Experten aus der Netzhautchirurgie, der Makulaforschung, der Bildgebung und der retinalen Gentherapie zusammenführt. Dadurch entsteht eine außergewöhnliche fachliche Dichte, die weit über das hinausgeht, was man in klassischen Kongresssitzungen üblicherweise erlebt.
Mir als Netzhautchirurg liegt natürlich die Retina-Session besonders am Herzen. Dort werden als „Focus“-Themen neue OCT-Biomarker und KI-gestützte Bildanalyse, Home-Monitoring bei der altersabhängigen Makuladegeneration, innovative Ansätze der Gentherapie sowie die ja noch ganz junge Netzhautimplantat-Chirurgie diskutiert. Bei allen Focus-Sessions aber begeistert mich vor allem, dass hier Expertinnen und Experten mit ganz unterschiedlichen Perspektiven zusammenkommen und gemeinsam diskutieren, wohin sich unser Fach tatsächlich entwickelt. Uns geht es nicht darum, möglichst viele Einzelstudien vorzustellen, sondern fokussiert bestimmte Entwicklungen kritisch zu bewerten und die wichtigsten Botschaften für Klinik und Praxis herauszuarbeiten.
Ich würde mich sehr freuen, wenn sich dieses neue Format dauerhaft etabliert. Denn in einer Zeit, in der Wissen nahezu unbegrenzt verfügbar ist, wird seine Einordnung immer wichtiger, und genau diese Orientierung möchten die Focus Sessions bieten.
Sie sind nicht nur DOG-Präsident, sondern auch Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Ophthalmologischer Chefärztinnen und Chefärzte (DOCH). Wie kann die DOG dazu beitragen, Forschung, Klinik und ambulante Versorgung noch enger zu vernetzen – und neue Therapien schnell, aber verantwortungsvoll in die klinische Praxis zu bringen?
Ich glaube, dass gerade hierin eine der wichtigsten Aufgaben einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft liegt. Die DOG versteht sich nicht nur als Veranstalterin eines Kongresses oder als Forum für wissenschaftliche Publikationen, sondern als Plattform, auf der alle Bereiche unseres Faches zusammenkommen, denn die Augenheilkunde lebt heute mehr denn je von enger Zusammenarbeit. Neue diagnostische Verfahren oder Therapien entstehen meist in der Grundlagenforschung, werden in klinischen Studien weiterentwickelt und finden schließlich ihren Weg in die Versorgung, meist an universitären Zentren, aber auch an großen Kliniken und in den niedergelassenen Praxen. Dieser Übergang gelingt jedoch nur, wenn alle Beteiligten kontinuierlich miteinander im Austausch stehen.
Die nichtuniversitären ophthalmologischen Hauptabteilungen tragen zu einem wesentlichen Teil zur augenärztlichen Versorgung bei. Als Vorsitzender der DOCH erlebe ich täglich, welche zentrale Rolle die Chefärztinnen und Chefärzte an dieser Schnittstelle einnehmen. Unsere Kliniken sind häufig sowohl Ausbildungsstätten als auch Studienzentren und zugleich wesentliche Partner der ambulanten Kolleginnen und Kollegen. Gerade deshalb war es mir wichtig, dass sich diese Vernetzung auch im Programm der DOG widerspiegelt.
Ein gutes Beispiel dafür sind unsere translationalen Sitzungen, in denen der Weg von experimentellen Erkenntnissen bis zur klinischen Anwendung nachvollzogen wird. Ebenso wichtig sind Registerprojekte wie oregis, in dem nicht nur Universitäts-Augenkliniken, sondern auch nicht-universitäre Augenkliniken und Praxen vertreten sind und uns zeigen, wie sich neue Therapien außerhalb kontrollierter Studien im klinischen Alltag bewähren. Solche Real-World-Daten gewinnen zunehmend an Bedeutung, weil sie helfen, wissenschaftliche Evidenz und Versorgungsrealität miteinander zu verbinden.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der intensive Dialog mit unseren Partnern aus Forschung und Industrie. Innovation entsteht heute fast immer in interdisziplinären Netzwerken. Voraussetzung ist allerdings, dass dieser Austausch transparent und wissenschaftlich fundiert erfolgt, und genau diese Balance zwischen Offenheit für Innovation und wissenschaftlicher Verantwortung kann durch die DOG gewährleistet werden.
Netzwerke sind gerade für junge Ophthalmologinnen und Ophthalmologen von großer Bedeutung. Welche Angebote des Kongresses richten sich gezielt an den Nachwuchs, und warum lohnt sich die DOG gerade für junge Kolleginnen und Kollegen?
Die Zukunft unseres Faches entscheidet sich nicht allein durch neue Technologien oder wissenschaftliche Durchbrüche, sondern vor allem durch die Menschen, die diese Entwicklungen künftig gestalten werden. Deshalb war es uns ein besonderes Anliegen, den Nachwuchs bei der Gestaltung des Kongresses bewusst in den Mittelpunkt zu rücken.
Der DOG-Kongress bietet jungen Kolleginnen und Kollegen heute weit mehr als ein klassisches Vortragsprogramm. Neben wissenschaftlichen Sitzungen gibt es Wetlabs und Skill-Courses, deren Angebot wir für die DOG 2026 deutlich ausgebaut haben und in denen operative Techniken unter Anleitung erfahrener Expertinnen und Experten praktisch trainiert werden können. Gerade in einem chirurgischen Fach wie der Augenheilkunde ist dieser unmittelbare Erfahrungsaustausch von unschätzbarem Wert.
Ebenso wichtig sind die zahlreichen Möglichkeiten zum persönlichen Networking. Viele wissenschaftliche Kooperationen, Fellowships oder spätere berufliche Perspektiven entstehen nicht während eines Vortrags, sondern im direkten Gespräch zwischen den Sitzungen. Durch Formate wie den International Experts Day oder verschiedene Mentoring-Angebote erhalten junge Kolleginnen und Kollegen während der DOG die Möglichkeit, mit international führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in direkten Kontakt zu treten und Fragen zu diskutieren, die im regulären Kongressprogramm oft keinen Platz finden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der wissenschaftlichen Förderung. Wer selbst forscht, findet auf der DOG ideale Bedingungen, eigene Arbeiten zu präsentieren, Feedback von Spitzenforschern seines wissenschaftlichen Arbeitsgebiets zu erhalten und neue Kooperationspartner und Kooperationspartnerinnen kennenzulernen. Gerade für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kann dies prägend für den weiteren Karriereweg sein. Hinzu kommen eine Reihe von Fördermöglichkeiten und Forschungspreisen, die insbesondere für die junge Ophthalmologie-Generation gedacht sind und die im Vorfeld der DOG ausgeschrieben werden.
Darüber hinaus möchten wir den Blick bewusst über Deutschland hinaus öffnen. Die Sitzung „Ophthalmology without borders: What can we learn from other countries?“ stellt deshalb unterschiedliche internationale Wege der Aus- und Weiterbildung vor und zeigt, welche Impulse wir aus den Erfahrungen anderer Länder für die eigene Weiterbildung gewinnen können. Gerade jungen Kolleginnen und Kollegen möchten wir damit neue Perspektiven eröffnen und Mut machen, internationale Möglichkeiten für ihre berufliche und wissenschaftliche Entwicklung zu nutzen.
Telemedizin, KI-gestützte Diagnostik und die digitale Vernetzung verändern zunehmend den Praxisalltag. Welche Entwicklungen werden aus Ihrer Sicht den Arbeitsalltag niedergelassener Augenärztinnen und Augenärzte in den kommenden Jahren tatsächlich verändern – und wo wird der Einfluss der Digitalisierung vielleicht auch überschätzt?
Wahrscheinlich befinden wir uns auch hier an einer Art Wendepunkt. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Digitalisierung vor allem dazu beigetragen, analoge Prozesse durch digitale zu ersetzen, von der elektronischen Bildgebung bis zur digitalen Dokumentation. Die eigentliche Transformation beginnt aber erst jetzt: Künstliche Intelligenz wird nicht nur Informationen speichern oder verwalten, sondern uns dabei unterstützen, diese Informationen besser zu nutzen. Gerade in der Augenheilkunde verfügen wir über eine einzigartige Ausgangssituation. Kaum ein anderes Fach arbeitet so intensiv mit hochstandardisierten Bilddaten wie der OCT, der Fundusfotografie oder der Angiographie. Deshalb wird KI insbesondere bei der Analyse und Interpretation dieser Daten eine immer wichtigere Rolle spielen. Sie kann Risikopatienten frühzeitig identifizieren, Krankheitsverläufe objektiv dokumentieren oder Therapieentscheidungen unterstützen. Und das wird sicher auch unseren Arbeitsalltag nachhaltig verändern, sowohl in den Praxen als auch in den Kliniken.
Ein weiteres großes Zukunftsthema sehe ich im Bereich des Home-Monitorings. Neue Technologien ermöglichen es bereits heute, bestimmte Netzhauterkrankungen auch außerhalb der Praxis engmaschig zu überwachen. Dadurch könnten Patientinnen und Patienten künftig individueller betreut werden, während gleichzeitig unnötige Kontrolltermine vermieden werden. Gerade angesichts des demographischen Wandels und steigender Patientenzahlen kann dies einen wichtigen Beitrag zu einer effizienteren Versorgung leisten.
Ebenso wird die digitale Vernetzung zwischen niedergelassenen Praxen, Kliniken und Forschungseinrichtungen weiter an Bedeutung gewinnen. Der schnelle Austausch hochauflösender Bilddaten, standardisierte elektronische Befunde oder gemeinsame Register werden die sektorenübergreifende Zusammenarbeit erheblich erleichtern und die Versorgungsqualität weiter verbessern.
Trotz aller Begeisterung sollten wir jedoch die Möglichkeiten der Digitalisierung realistisch einschätzen. Künstliche Intelligenz liefert Wahrscheinlichkeiten, ersetzt aber keine ärztliche Verantwortung. Sie erkennt Muster, kennt aber weder die individuellen Lebensumstände eines Menschen noch dessen persönliche Erwartungen oder Sorgen. Insbesondere komplexe Therapieentscheidungen basieren auf einer Kombination aus objektiven Befunden, klinischer Erfahrung und dem Gespräch mit unseren Patientinnen und Patienten. Ich glaube deshalb nicht an eine Zukunft, in der KI den Augenarzt ersetzt, sondern vielmehr an eine Zukunft, in der gute Augenärztinnen und Augenärzte mithilfe intelligenter Technologien bessere Entscheidungen treffen können. Genau darin liegt aus meiner Sicht das eigentliche Potenzial der Digitalisierung.
Welchen Rat würden Sie Assistenzärztinnen und -ärzten mit auf den Weg geben? Welche Kompetenzen werden aus Ihrer Sicht in der Augenheilkunde der Zukunft den Unterschied machen?
Wenn ich jungen Kolleginnen und Kollegen heute einen Rat geben dürfte, dann wäre es zunächst der, neugierig zu bleiben. Die Augenheilkunde gehört zu den innovativsten Disziplinen der gesamten Medizin. Kaum ein anderes Fach hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten so grundlegend verändert, und wahrscheinlich wird sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren sogar noch beschleunigen. Gerade deshalb lohnt es sich, neuen Technologien mit Offenheit zu begegnen. Wer heute seine Weiterbildung beginnt, wird selbstverständlich mit Künstlicher Intelligenz, digitalen Operationssystemen oder gentherapeutischen Ansätzen arbeiten und so die Chance erhalten, unsere Medizin stetig weiterzuentwickeln und noch besser zu machen.
Dennoch wird es weiterhin wichtig bleiben, die Grundlagen unseres Faches mit derselben Konsequenz zu erlernen. Eine exzellente klinische Untersuchung, ein fundiertes Verständnis der Pathophysiologie und, für chirurgisch tätige Kolleginnen und Kollegen, solide operative Fähigkeiten bleiben das Fundament ärztlichen Handelns. Moderne Technologien entfalten ihren Wert erst dann, wenn sie auf dieser Basis sinnvoll eingesetzt werden.
Ich würde jungen Kolleginnen und Kollegen außerdem raten, möglichst früh wissenschaftlich zu denken, und zwar unabhängig davon, ob sie später an einer Universitätsklinik, einem Schwerpunktkrankenhaus oder in einer Praxis tätig sein werden. Wissenschaft stellt keinen Gegensatz zur Klinik dar, sondern sollte diese immer auch begleiten. Wissenschaft bedeutet vor allem, Fragen zu stellen, Evidenz kritisch zu bewerten und Routinen immer wieder zu hinterfragen. Genau diese Haltung ist Voraussetzung dafür, Innovation verantwortungsvoll in die Patientenversorgung zu übertragen.
Und vielleicht noch ein letzter Gedanke: Bei aller technologischen Entwicklung sollten wir nie vergessen, warum wir diesen Beruf gewählt haben. Im Mittelpunkt stehen nicht OCT-Bilder, Algorithmen oder Operationsroboter, sondern Menschen, die uns ihr Sehvermögen anvertrauen. Empathie, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein werden deshalb auch in Zukunft zu den wichtigsten Kompetenzen einer guten Augenärztin und eines guten Augenarztes gehören.
Interview: Achim Drucks