Kontaktlinsen im Sommer: Wenn Wasser, Sand und Sonne zur Gefahr für die Hornhaut werden

Rund 140 Millionen Menschen weltweit und 3,6 Millionen in Deutschland tragen Kontaktlinsen zur Sehkorrektur. Während moderne Weichlinsen über verbesserte Materialeigenschaften und eine gute Sauerstoffdurchlässigkeit verfügen, birgt ihr Einsatz unter sommerlichen Bedingungen spezifische Risiken für die Gesundheit der Augenoberfläche und insbesondere der Hornhaut. Ein Statement von Prof. Dr. Gerd Geerling, Pressesprecher der Stiftung Auge und Direktor der Universitäts-Augenklinik Düsseldorf.

© daoudi aissa/unsplash
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Mikrobielle Keratitis: Das größte sommerliche Infektionsrisiko

Das Tragen von Kontaktlinsen ist neben Augenverletzungen der bedeutendste Risikofaktor für die Entstehung einer mikrobiellen Keratitis – einer potenziell schwerwiegenden bakteriellen oder parasitären Hornhautentzündung. Epidemiologische Daten belegen, dass Kontaktlinsenträger ein bis zu 80-fach erhöhtes Risiko für eine mikrobielle Keratitis aufweisen als Personen, die keine Kontaktlinsen tragen. Die jährliche Inzidenz liegt je nach Linsentyp und Tragemodus zwischen 2 und 20 Fällen pro 10 000 Kontaktlinsenträgerinnen und -trägern; bei kontinuierlichem Nachttragen steigt sie auf bis zu 20 Fälle pro 10 000 an.

Eine aktuelle ägyptische Querschnittstudie (Sakr et al., 2024), die 245 Kontaktlinsenträgerinnen und -träger einschloss, identifizierte Schwimmen und Duschen mit Kontaktlinsen als Risikofaktoren für eine mikrobielle Keratitis. Ein norwegisches Kollektiv schwer betroffener Patientinnen und Patienten, die aufgrund einer kontaktlinsenassoziierten Keratitis stationär aufgenommen werden mussten, wies eine jährliche Inzidenz von 2,52 Fällen pro 10.000 Linsenträgerinnen und -trägern über 15 Jahre auf; bei Dauerträgern lagen die Werte deutlich höher (Sund et al., 2025). Beide Studien unterstreichen, dass vermeidbare Verhaltensweisen – insbesondere Wasserexposition – einen substanziellen Anteil der Keratitis-Episoden bedingen.

Akanthamöben- und Pilzkeratitis: Seltene aber sehbedrohende Komplikationen

Die Akanthamöbenkeratitis (AK) und die Pilzkeratitis (PK) nehmen eine besondere Stellung ein. Akanthamöben sind freilebende Einzeller, die ubiquitär in Leitungswasser, Süßgewässern, Meerwasser und Schwimmbecken vorkommen. Über 80 Prozent aller AK-Fälle betreffen Kontaktlinsenträgerinnen und -träger, da die Amöben auf der hydrophilen Linsenoberfläche weicher Linsen haften und auch bei modernen Materialien die Sauerstoffversorgung und damit die Oberflächenintegrität der Hornhaut reduziert ist.

Jährlich sind geschätzt fast 13 000 Patientinnen und Patienten betroffen. Klinisch ist die AK durch intensive Augenschmerzen, ausgeprägte Lichtscheu und eine ringförmige Hornhauttrübung charakterisiert. Die Behandlung ist langwierig und aufwendig. Etwa jeder 6. Patient benötigt eine Hornhauttransplantation. Studien aus Österreich und Großbritannien bestätigen, dass Schwimmen mit Kontaktlinsen in natürlichen Gewässern der stärkste vermeidbare Risikofaktor darstellt und dass die Inzidenz in den Sommermonaten, insbesondere im August, am höchsten ist. Auch für die Pilzkeratitis, ausgelöst durch Schimmel- oder Hefepilze, stellt der Gebrauch von Kontaktlinsen den häufigsten Risikofaktor dar. Von den Patienten des Deutschen Pilz-Keratitis-Registers – eine an der Düsseldorfer Universitätsaugenklinik geführte Registerstudie – waren 56 Prozent Kontaktlinsenträgerinnen und -träger, davon 85 Prozent Träger weicher Kontaktlinsen (Roth et al.). Die Kontaktlinsenträger waren häufiger weiblich und hatten ein jüngeres Durchschnittsalter (44 Jahre) im Vergleich zu Nicht-Kontaktlinsenträgern (63 Jahre).

Die Diagnose wird oft verzögert gestellt und die Erreger sprechen nur schlecht auf eine medikamentöse Therapie an. Bei mehr als 50 Prozent aller Kontaktlinsenträgerinnen und -träger mit einer PK wurde im Verlauf eine Hornhauttransplantation erforderlich, bei 10 Prozent musste das Auge sogar entfernt werden. Zu den wesentlichen Risikofaktoren zählen eine zu lange Tragedauer der Kontaktlinsen – auch über Nacht –, mangelnde Hygiene sowie Kontakt mit Süßwasser. Sand, Fremdpartikel und mechanische Schäden der Hornhautoberfläche, Sandpartikel und Staubteilchen können unter die Kontaktlinse gelangen und Mikroläsionen des Hornhautepithels verursachen. Diese mikroskopischen Verletzungen stellen Eintrittspforten für Erreger dar. Darüber hinaus belegen konfokal mikroskopische Studien, dass längerfristiges Kontaktlinsentragen die Hornhaut-Sensibilität reduziert, sodass mechanische Reize und frühe Infektionszeichen von den Betroffenen nicht oder erst verspätet wahrgenommen werden und die Diagnosestellung so verzögert wird.

UV-Strahlung und Kontaktlinsen: Schutz mit Grenzen

Die Hornhaut ist aufgrund ihrer optischen Transparenz und ihrer gewölbten Geometrie einer intensiven UV-Belastung ausgesetzt. Chronische UV-Exposition wird mit der Entwicklung eines Pterygiums oder einer Kataraktentwicklung und Schädigung limbaler Stammzellen in Verbindung gebracht. Einige Kontaktlinsentypen sind mit UV absorbierenden Substanzen ausgestattet. Wolffsohn et al. (2025) zeigten, dass auch UV-filternde Linsen keinen vollständigen Schutz der Augenoberfläche bieten, da Bindehaut, Lidränder und periokuläre Haut ungeschützt bleiben. Daher ersetzen sie nicht das Tragen einer Sonnenbrille mit UV-Filter.

Augenoberfläche, Tränenfilm und Hitze

Erhöhte Umgebungstemperaturen und trockene Sommerluft – insbesondere in klimatisierten Innenräumen und Flugzeugen – beschleunigen die Evaporation des Tränenfilms. Kontaktlinsenträgerinnen und -träger weisen ohnehin häufiger Zeichen eines Trockenen Auges auf: Die Meibom-Drüsen und die Muzinschicht des Tränenfilms werden durch den mechanischen Reiz der Linse beeinflusst. Eine verminderte Tränenfilmstabilität erhöht die Reibung zwischen Linsenrückseite und Hornhautepithel, begünstigt Mikroläsionen und verstärkt das Infektionsrisiko. Die Tragezeit sollte an heißen Tagen daher gezielt reduziert und unkonservierte Benetzungstropfen zur Pflege der Augenoberfläche eingesetzt werden.

Empfehlungen für die Praxis

Auf Grundlage der vorliegenden Evidenz lassen sich folgende Empfehlungen für Kontaktlinsenträgerinnen und -träger in der Sommersaison ableiten:

  • Kontaktlinsen vor jedem Kontakt mit Wasser (Schwimmen, Duschen, Badewanne) herausnehmen; beim Baden im Freibad, See oder Meer stets auf Kontaktlinsen verzichten.
  • Kontaktlinsen und -behälter niemals mit Leitungswasser spülen; ausschließlich zertifizierte Pflegemittel verwenden.
  • Bei Strand- und Outdoor-Aktivitäten zusätzlich eine enganliegende Sonnenschutzbrille mit UV-400-Zertifizierung tragen; UV-filternde Kontaktlinsen ersetzen keine Sonnenbrille.
  • Die Tragezeiten an sehr heißen Tagen reduzieren und gegebenenfalls auf die Brille ausweichen.
  • Bei Bedarf unkonservierte Benetzungstropfen verwenden.
  • Bei anhaltenden Augenschmerzen, Lichtscheu, Sehverschlechterung oder Rötung sofort die Kontaktlinsen herausnehmen und umgehend augenärztliche Hilfe aufsuchen
     

Eine Hornhautentzündung, die frühzeitig erkannt und konsequent behandelt wird, heilt in derRegel folgenlos ab. Wird eine mikrobielle Keratitis hingegen übersehen oder die Therapie verzögert, kann es zu einer dauerhaften Narbenbildung, irreversibler Sehverschlechterung und in schweren Fällen zur Notwendigkeit einer Hornhauttransplantation kommen. Kontaktlinsen sind ein wertvolles Hilfsmittel – ihr sicherer Einsatz im Sommer erfordert jedoch besondere Sorgfalt und Kenntnis der sommerlichen Risikofaktoren.

Professor Dr. med. Gerd Geerling, Pressesprecher der Stiftung Auge, Direktor der Universitäts-Augenklinik Düsseldorf

Literatur:

(1) Sakr SI, Nayel AA, Khattab AL et al. Impact of contact lens hygiene risk factors on the prevalence of contact lens-related keratitis in Alexandria-Egypt. J Ophthalmic Inflamm Infect. 2024;14(1):1–10. doi: 10.1186/s12348-024-00421-1.

(2) Sund MH, Slettedal JK, Sæthre M et al. Incidence, risk factors, and patient characteristics in severe contact lens-related microbial keratitis. Acta Ophthalmol. 2025;103(3):289–294. doi: 10.1111/aos.16796.

(3) Posarelli M, Passar ML, Avolio FC et al. The incidence of severe complications in Acanthamoeba keratitis: Qualitative and quantitative systematic assessment. Surv Ophthalmol. 2024 Sep-Oct;69(5):769-778. doi: 10.1016/j.survophthal.2024.06.001.

(4) Roth M, Daas L, Renner-Wilde A et al.: Das Deutsche Pilz-Keratitis-Register: Erste Ergebnisse einer multizentrischen Erhebung. Ophthalmologe 2019; 116(10): 957–966. Präsentation spezifischer Auswertung zu Kontaktlinsen als Risikofaktor: Roth M et al., 32. Internationaler Kongress der Deutschen Ophthalmochirurgen (DOC) 2019.
https://www.egms.de/static/de/meetings/doc2019/19doc019.shtml

(5) Wolffsohn JS, Drew T, Devitt A, Kieran S. Development of a Sun Protection Factor for contact lenses (CL-SPF). BMJ Open Ophthalmol. 2025;10(1):e002005. doi: 10.1136/bmjophth-2024-002005.