„Wir bilden die gesamte Augenchirurgie ab" – DOC-Präsident Dr. Armin Scharrer im Interview

Der DOC-Kongress gehört zu den Leitveranstaltungen für operierende Augenärzte. In seiner 38. Auflage präsentiert er wieder ein vielfältiges, aktuelles Programm – von präoperativer Linsensimulation über die Herausforderungen durch KI bis hin zur ambulanten Netzhaut- und Glaskörperchirurgie. Kongress-Präsident Dr. Armin Scharrer über das, was die Ophthalmologie gerade bewegt.

© DOC / Dr. Armin Scharre
© DOC / Dr. Armin Scharre

Herr Dr. Scharrer, die DOC versteht sich als Kongress für die Augenchirurgie. Was unterscheidet sie konkret von anderen Jahrestagungen wie DGII oder ESCRS?

Die DOC ist der einzige Kongress in Europa, der die gesamte Augenchirurgie abbildet. Also nicht nur Katarakt- und/oder Refraktive Chirurgie. In der DOC sind Netzhaut-/Glaskörperchirurgie und Glaukomchirurgie prominent vertreten, ebenso Hornhautchirurgie, Lidchirurgie, Tränenwegschirurgie und Augenmuskelchirurgie.

Beim refraktiven Linsentausch ist die Wahl der passenden IOL eine der größten Herausforderungen – weil Patienten eben erst nach der OP merken, ob das Ergebnis ihren Erwartungen entspricht. Neue Technologien versprechen, dass Patienten ihr künftiges Sehen vorab realitätsnah erleben können. Wie verändert das die präoperative Beratung?

Die präoperative Beratung wird qualitativ deutlich besser und, was den Zeitaufwand anbelangt, deutlich länger.
Im Mittelpunkt des Interesses ist aktuell: „real artificial lens vision“.
Hier wird dem Patienten das Erleben einer realen Intraokularlinse ermöglicht. Die jeweilige Intraokularlinse wird durch eigens angefertigte Shuttles auf die visuelle Achse zentriert und erlaubt die Messung von Nah-, Intermediär- und Fernvisus sowie Kontrastsensitivität, Halos/Glare und Defokuskurven. Der Patient kann also persönlich prüfen, wie sich mit einer bestimmten Intraokularlinse sein Sehen postoperativ in Ferne, Nähe und Intermediärbereich anfühlt und inwieweit Nebenwirkungen wie Halos und Glare sich negativ auswirken.

Die Ophthalmologie gehört zu den Pionieren im Einsatz von KI in der Medizin. Und doch fragt Prof. Andrzej Grzybowski, einer der europäischen Experten auf diesem Gebiet, im Titel seiner Key Note Lecture provokativ, ob man ihr überhaupt trauen kann. Was sind für Sie in Sachen KI in der Augenheilkunde derzeit die größten Herausforderungen?

KI bietet unendlich viele Möglichkeiten. Aus meiner Sicht besonders wichtig ist, dass klare Regeln geschaffen werden, die auf der Basis von ethischen Grundsätzen erstellt werden. Im direkten Zusammenhang, ergänzend zu der Keynote Lecture von Andrzej Grzybowski, sind die Referate von Carmen Bellebna aus München: „KI-Verordnung - Ethik & Regulatorik – was muss ich im Umgang mit KI beachten?“ und die Keynote Lecture von Hans-Ulrich Prokosch im Symposium „Telemedizin - pro & contra“ mit dem Thema: „Anwendung von KI in der Telemedizin – Erwartungen, Realität und Risiken“ von Bedeutung.

Ein weiteres aktuelles Thema ist das Myopiemanagement. Welche neuen Entwicklungen gibt es auf diesem Gebiet, die auf dem Kongress diskutiert werden?

Nach neuesten Studienergebnissen aus Europa und USA haben sich die großen Erwartungen, die Myopie über Atropinbehandlungen einzudämmen, nicht erfüllt. Brillengläser mit peripherem Defokus scheinen ein guter Hemmer der Myopieprogression zu sein. Diese Gläser haben im Randbereich spezielle Strukturen integriert, die das Licht so brechen, dass das Objekt vor der Netzhaut abgebildet wird (myopischer Defokus). Es gibt verschiedene Hersteller mit verschiedenen Technologien. Diese Gläser müssen vom Augenarzt empfohlen werden, nicht alle Optiker haben sie vorrätig.

Priv.-Doz. Dr. Silvia Bopp greift in ihrer Meyer-Schwickerath Lecture die ambulante Netzhaut- und Glaskörperchirurgie auf. Was macht dieses Thema gerade wieder aktuell?

Silvia Bopp ist eine Pionierin der ambulanten Netzhaut- und Glaskörperchirurgie in Deutschland und macht das in Bremen in hervorragender Weise seit 30 Jahren. Warum sich ambulante Netzhaut- und Glaskörperchirurgie flächendeckend in Deutschland immer noch nicht durchgesetzt hat, liegt in allererste Linie an den wirtschaftlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Zum einen muss für den Standort, an dem die ambulanten Operationen durchgeführt werden, eine wirtschaftlich ausreichende, kostendeckende Honorierung garantiert sein. Zum anderen, genauso wichtig, muss eine vernünftige faire Honorierung auch für den nach- und mitbehandelnden niedergelassenen Augenarzt, der die operierten Patienten nach der Operation weiter- und mitbetreut, ermöglicht werden.

Pro & Contra-Formate sind ein Markenzeichen der DOC. Was wird dieses Jahr kontrovers diskutiert und nach welchen Kriterien werden die Themen ausgewählt?

Die Themen werden nach Aktualität und Bedeutung ausgewählt. In diesem Jahr haben wir folgende aktuelle Kontroversen: Im Bereich Glaukom: „Selektive Lasertrabekuloplastik mehrfach wiederholen? Ja! oder nein?“ und „Invasive Glaukomchirurgie in hohem Alter?“.
I
n der Katarakt-Sitzung: „Filter-IOL ja oder nein?“ und in der Rapid-Fire-Sitzung: „Welche Linse, wenn der Kapselsack defekt ist?“ / „Kurzfristig erforderlicher IOL-Austausch nach Primärimplantation – welche Technik?“ / „Inzision superior vs. temporal“.
Im Bereich Hornhaut: „Infektiöse Keratitis - möglichst lange konservativ behandeln oder möglichst zeitnah operieren?“
Im Bereich Refraktive Chirurgie: „Monovision vs. Presby-LASIK“.
In der Sitzung Retina geht es in der aktuellen Kontroverse um die „Floatervitrektomie: Chirurgie einer klinisch relevanten Veränderung oder Luxusproblem?“.

Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Seminarreihe „Für die Praxis des Augenarztes“?

Eine Vielzahl von hochaktuellen Seminaren für die Praxis des Augenarztes zu wichtigen Themen, wie „AMD – wann ist eine Anti-VEGF-IVOM indiziert, wann nicht?“, „Ist die automatisierte IVOM eine reale Alternative – Robotik in der Augenheilkunde“, „Makuläre Atrophie bei der nAMD – unvermeidliche Folge trotz oder durch Anti-VEGF-Therapie“, „Persistierendes Makulaödem nach ppV und membrane-Peeling – wie gehe ich damit um?“.
Daneben auch Updates zur Differentialdiagnostik der Stauungspapille, zum Pseudoexfoliationssyndrom (PEX) und zum Myopie-Management bei Kindern.

Welche neuen Angebote bietet der Kongress dem ophthalmologischen Assistenzpersonal?

Neben einer Vielzahl von Seminaren und Kursen inkl. Wetlab gibt es auch mehrere neue OAP-Kurse, z.B. OAP K3 „Einstieg in die Kontaktlinsen-Anpassung für MFA und Optik-Mitarbeiter“ (Basiskurs), den Kurs OAP K6 „Anästhesie im Augen-OP“ und den Kurs OAP K36 „Basiskurs – häufige Augenerkrankungen und ihre Behandlung“.

Wenn Sie nur eine einzige Entwicklung nennen dürften, die Sie in den nächsten fünf Jahren in der Ophthalmologie wohl am meisten beschäftigen wird – welche wäre das?

Die Ophthalmologie und Ophthalmochirurgie wird in den nächsten 5 Jahren weiterhin das Problem massiv beschäftigen, wie wir Patienten ein möglichst ideales Sehen in Ferne und Nähe auf Dauer ermöglichen können, also die „akkommodierende Linse“.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

38. Internationaler Kongress der Deutschen Ophthalmochirurgie (DOC)
18.-20. Juni
Nürnberg Convention Center (NCC Ost / Halle 7A)

Interview: Achim Drucks